Die Mehlprimeln

 

Biografie

 

1972 traten Reiner und Dietmar zum ersten Male im Gasthaus Mengele, Buttenwiesen, als „Mehlprimelbuam“in einer Kleinkunstveranstaltung auf. Im Jahr darauf folgte die Brettl-Premiere in der Großstadt, im legendären „Song Parnass“ in München. Schon bald wurde das folkloristische „Buam“ gestrichen, und seitdem ziehen die „Mehlprimeln“ seit 40+1 Jahren unermüdlich mit Gitarre, Tuba, Baritonhorn, Hackbrett, Harfe, Klarinette, Ukulele (nicht zu vergessen die herrliche quäkende Kindertröte) durch die Lande.

Begonnen hat alles in einem hochmusikalischen Elternhaus in Buttenwiesen, wo Vater Paul Panitz dafür Sorge trug, dass jeder der fünf Söhne ein Musikinstrument lernte. Sehr früh begann Reiner eigene Lieder zu texten und zu vertonen, die er mit den Brüdern Dietmar und Jürgen auf Dorffesten zum Besten gab. Gleichzeitig zeigten die Panitzbrüder ihr komödiantisches Talent im legendären Stadeltheater in Unterthürheim. Für Reiner und Dietmar sollten Musik und Satire Beruf und Berufung werden.

Anfangs standen Nonsens-Spielereien und Schwäbisch-Skurriles im Mittelpunkt ihrer Musik- und Liederabende, die sie durch Wirtshaussäle und Kellertheater hinein in die Herzen ihrer „Fans“ führten. Die Liebe zu ihrer Heimat, dem Dorf und dem Donauried, war stets spürbar. Dann wurden sie kämpferischer. Sie dichteten Spottlieder auf die einst geplante Magnetschwebebahn im benachbarten Donauried, sangen Protestsongs wider das Atomprojekt im nahen Pfaffenhofen und nahmen Franz Josef Strauß und einige seiner Kabinettskollegen im „Heimatverbrecher-Zwiefachen“ aufs Korn. Aus Spaßmachern wurden engagierte, mal rotzfreche, mal bitterböse Volksmusikanten. Damit eckten die Mehlprimeln bei der Polit-Prominenz an. Sie standen im Ruf, „Grüne“ zu sein. Trotzdem oder sogar deswegen wurden sie als ausgewiesene „linke Bänkelsänger“ ebenso wie die befreundeten Biermösln im süddeutschen Raum bekannt und beliebt.

Ein Zufall änderte 1980 die weitere Mehlprimeln-Karriere. Bei einer Veranstaltung im fernen Saarbrücken, als die Mehlprimeln kurzfristig für eine andere Gruppe einspringen mussten, machte sich ihnen ein Herr aus München bekannt: „Grüß Gott, Hildebrandt!“ Aus dieser ersten Begegnung mit Dieter Hildebrandt wurde eine lange künstlerische und freundschaftliche Beziehung. Es folgten viele gemeinsame Auftritte, z.B. in der „alten Fabrik“ in Hamburg (zusammen mit Wolf Biermann), in den großen Rundfunkanstalten, im „Scheibenwischer“, in Theatern, Festival-Zelten und Hallen. Sie standen mit Hans Dieter Hüsch, Gerhard Polt, Werner Schneyder, Fredl Fesl und vielen anderen auf der Bühne. Konzerte auf der Wiener Prater-Insel, dem Donau-Festival, den Ruhrfestspielen, im Mozarteum in Salzburg, im Mainzer Unterhaus, in der Lach- und Schießgesellschaft und auf ungezählten Kleinkunstbühnen im ganzen deutschsprachigen Raum machten die Mehlprimeln weithin bekannt. Fernsehaufzeichnungen (darunter die denkwürdige BR-Ausblendungs-Sendung am 30. Mai 1986), Radiomitschnitte, Platten- und CD-Aufnahmen sowie zwei Bücher geben Zeugnis von der Kreativität der Mehlprimeln. 1982 überraschten die Mehlprimeln ihr Publikum zu dritt. In der vollbesetzten Augsburger Kongresshalle erschien an ihrer Seite Ruth Gschwendtner. Sie sang das „Wiegenlied“ von Eckart Hachfeld, dem Hausautor des Düsseldorfer Kom(m)ödchens, in einer Vertonung von Reiner. Aus diesem Lied wurde ein Programm und schließlich eine mehrjährige Zusammenarbeit.

Seit den 70-er Jahren spielten Reiner und Dietmar zusammen mit vier Freunden als „Thürlesberger Tanzlmusik“ in den Wirtshausstuben und -sälen des Zusamtals zum Tanz auf. Hautnah und wehmütig beobachteten sie den Niedergang der dörflichen Gasthäuser. Die Konkurrenz der Vereinsheime und der Mehrzweckturnhallen, das Aufkommen der ländlichen Discos beschleunigten das Wirtshaussterben in den Dörfern und Städten. Der Wunsch nach einem eigenen Gasthaus wurde in den Panitz-Brüdern wach.

1986 kauften die Mehlprimeln die 300 Jahre alte heruntergekommene Klosterbrauerei in Kaisheim. In dreijähriger Schwerstarbeit, mit der Bauerfahrung des Bruders Jürgen und der Unterstützung vieler Helfer, mit hohem persönlichen und finanziellen Aufwand verwandelten sie das historische Gemäuer in das stilvolle, anheimelnde Gasthaus mit einem tollen Weinkeller und der Bühne „Kleinkunstbrauerei Thaddäus“. Für ihr Engagement wurden die Brüder sowohl mit der Bayerischen Denkmalschutzmedaille als auch mit dem Denkmalpreis der Hypo-Kulturstiftung ausgezeichnet.Die ehemalige hohe Sudhalle mit ihrem Gewölbe und den feingliedrigen Säulen ist mittlerweile eine Kultstätte für Musik und Kleinkunst geworden, die von einem engagierten Förderverein wirkungsvoll unterstützt wird. Auf der Thaddäus-Bühne traten in den letzten Jahren sowohl die „Großen“ der Kleinkunst als auch erstklassige Nachwuchskünstler auf.

Der Barocksaal ist auch die „Heimatbühne“ der Mehlprimeln. Ihre Programme im Fasching, zu Ostern und am Muttertag sind nach wie vor eine höchst vergnügliche, absurde Mixtur aus virtuoser Instrumentalmusik und Bellman-Liedern, aus Witz und Sarkasmus, Poesie und Parodie, Wahnsinn und Chaos, Spottgesängen und Volksmusik, Literatur und Nonsens mit Niveau. Eine Mischung, die das Publikum immer wieder begeistert. Dazu kommen aktuelle Beiträge, die sich mit den politischen Auswüchsen, den modernen Medien und den Problemen einer alternden Gesellschaft beschäftigen. Als „work in progress“, wie Volker Pispers seine Auftritte seit einem Jahrzehnt bezeichnet, sind auch die Auftritte der Mehlprimeln eine ständig aktualisierte, wilde Mischung aus Altem und Neuem. Kein Abend ist wie der andere, und das Publikum bestimmt durch seine Reaktionen den Ablauf des Abends mit. Höhepunkt im Kleinkunstjahr ist die „Schöne, wilde Weihnacht“ der Mehlprimeln. Die Abende – begleitet von den Thürlesbergern oder dem befreundeten Geigenensemble Radosov aus der Slowakei – sind Kult im Thaddäus.

40+1 Jahre auf der Bühne: Aus den frechen Gaudiburschen sind gestandene Kleinkünstler geworden: älter (unleugbar), reifer (bedingt), nachdenklicher und hintergründiger und ganz bestimmt literarischer. Geblieben aber ist: Die Lust am Musizieren, Improvisieren, Phantasieren, Formulieren und Fabulieren.

 

 

Aus der Presse:

„Die Mehlprimeln gehören zu den wild wachsenden Schlüsselblumen auf den Moorwiesen Mitteleuropas. Sie sind geschützt, besonders die bunt blühenden Arten. Vielleicht erklärt diese naturkundliche Auskunft die zähe Vitalität, mit der die Mehlprimeln Reiner und Dietmar Panitz … kabarettistische Glanzlichter auf die Moore und Sümpfe der Gesellschaft setzen.“ (Erich Pawlu, DZ)